Montag, 21 März 2011 01:00

Rückgang der Mundarten gefährdet Weitergabe kultureller Überlieferungen und regionale Identiät

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FBSD LogoPressemitteilung                                                   München, 21.03.2011

Förderverein fordert Bestandsaufnahme der Mundartsprecher und Hilfsangebote für interessierte ErzieherInnen und LehrerInnen

„Der Versuch, die bairische Sprache und die Mundarten für nachfolgende Generationen in Bayern zu erhalten, gleicht einem Wettlauf mit der Zeit“, so der Vorsitzende des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte (FBSD), Horst Münzinger, beim Jahresgespräch des Vereins im Internationalen Presseclub München. Der Anteil der Kinder, der Jugendlichen und der jungen Erwachsenen, die noch Mundart können und sprechen schrumpft seit Jahren bedrohlich. Setzt sich diese Entwicklung weiter fort, sind die Weitergabe der Mundarten und der Erhalt der bairischen Sprache in Bayern stark gefährdet. Kulturellen identitäts- und wertstiftenden Überlieferungen drohe damit der Garaus.

Der Vereinsvorsitzende und der stellvertretende Vorsitzende, Siegfried Bradl, forderten deshalb von der bayerischen Staatsregierung eine regelmäßige Bestandsaufnahme zur Ermittlung des Anteils der jüngeren Mundartsprecher in den regionalen Dialekträumen Bayerns. Damit könne der Freistaat endlich einmal die Wirkung der Gesetze und Maßnahmen zur Mundartförderung überprüfen, die im Bericht über die Mundartförderung enthalten sind, der 2010 vom bayerischen Kultus- und vom bayerischen Sozialministerium erstellt und im Sozialausschuß des Landtags diskutiert wurde. Den Anstoß für die Berichterstellung hatte der Förderverein 2009 gegeben, nachdem die UNESCO die bayerische Sprache als gefährdet eingestuft hatte.

Dialekte in Bayern - Handreichung für Lehrer

Des Weiteren forderten die Vorsitzenden unterstützende Maßnahmen 
für ErzieherInnen und LehrerInnen, die in den Kindergärten und Schulen die Mundart fördern wollen. Münzinger erinnerte an die Handreichung „Dialekte in Bayern“ die das bayerische Kultusministerium 2006 eigenen Angaben zufolge allen bayerischen Schulen zur Verfügung gestellt hat. Auch die Erstellung dieses Lehrwerks geht auf eine Initiative des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte zurück. „Leider“, so die beiden Vorstände, „blieb das vom seinerzeitigen Kultusminister Schneider gewünschte breite und nachhaltige Echo dieses herausragenden Lehrwerks aus“. Was auch nicht wundert, denn nach Umfragen und Informationen des Fördervereins kamen nur wenige Exemplare tatsächlich in den Schulen an, und wenn sie ankamen verschwanden sie im Schularchiv oder auch mal gern im Bücherschrank daheim. Abrufbar ist die Handreichung nur noch im Internetauftritt des Staatsinstituts für Schulqualität www.isb.bayern.de.

Es bedarf deshalb dringend einer Neuauflage und auch einer analogen Handreichung für Erzieherinnen in den Kindergärten sowie einer kontrollierten Verteilung und Anwendung. Hilfreich wäre zudem ein allen LehrerInnen und ErzieherInnen zugängliches Quellenverzeichnis mit Adressen von Autoren, Mundartsprechern, Volksmusikern und Einrichtungen, die Anregungen und unterstützende Maßnahmen zur Dialektförderung geben können. Allein der Förderverein Bairische Sprache und Dialekte verfügt über eine Liste mit rund 30 Eintragungen.

Erster FBSD- MundArt-Wettbewerb an Schulen

„Wir fordern aber nicht nur, sondern wir tun auch etwas“, sagte Siegfried Bradl und verwies auf den vom Förderverein initiierten und noch bis zum 15. April laufenden MundArt-Wettbewerb  „higschaugt – zug`horcht – mitgschwätzt“ an den Grundschulen in Bayern. Schirmherr ist Bayerns Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle. Auch sei daran gedacht, Hilfsmittel zu erstellen, die bereits in der ersten Stufe der Lehrerausbildung eingesetzt werden könnten, damit die Nachwuchsphilologen schon frühzeitig mit bayerischen Sprach- und Mundartthemen als organischer Bestandteil des Unterrichts vertraut gemacht werden können. Selbstverständlich will man darüber hinaus auch verstärkt die Eltern und Großeltern mit einbeziehen.

Weiter setzt der Verein, der 2010 wieder mehr als 200 neue Mitglieder dazu gewann, auf die Aktivitäten seiner insgesamt rund 3.200 Mitglieder. Ehrenamtlich veranstalten viele von ihnen Fachvorträge und musikalische Veranstaltungen, verleihen Sprachpreise oder engagieren sich in Kindergärten und Schulen und werben auf Messen und Festen für die bairische Sprache.      

Erfolgreiche Vereinsarbeit

Die beiden Vereinsvorsitzenden Münzinger und Bradl sind sich sicher, „dass unser Verein und unsere Mitglieder etwas bewegen können“. Hoffnung für die bairische Sprache und für die Mundarten schöpfen beide Vorstände auch aus dem gewachsenen Interesse der Öffentlichkeit an bayerischen Themen und an der bairischen Sprache. So erschienen  2010 in den Tageszeitungen auffallend viele Beiträge zu Sprach- und Dialektthemen. In manchen Radiosendern sei Mundart oder zumindest südliches Hochdeutsch zu hören, weniger bei den Sprechern, aber dafür häufiger aus den Hörerbeiträgen. Auch das Fernsehen traue sich mit Filmen aus Bayern und mit Dialekt sprechenden Schauspielern wieder häufiger in die Wohnzimmer. Auch die Nachfrage nach Bavarica-Literatur habe auffallend zugenommen, berichtet der Hugendubel-Buchhandel, und die bayerische Musiker- und Künstlervereinigung MundArtAG mit 140 Mitgliedern beobachtet ebenfalls  enormes Interesse

bei den Jugendlichen und Heranwachsenden an Konzerten und Datenträgern bayerischer Musikgruppen und Interpreten.         

Widerstand gegen Defizithypothese

Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und MitarbeiterInnen in den Redaktionen der Medien forderten die Vereinschefs auf, endlich selbstbewusst den Anhängern der aus den 60er Jahren aus einem Missverständnis heraus entstanden Defizithypothese entgegenzutreten, wonach Dialektsprecher Nachteile in der schulischen und beruflichen Entwicklung hätten. „Genau das Gegenteil ist der Fall“, so Münzinger. Schulleistungsvergleiche und Erkenntnisse des Philologenverbands sowie Ergebnisse der modernen Gehirnforschung belegten eindeutig die enormen Vorteile einer bilingualen Spracherziehung mit Amtssprache und Dialekt.    

Weitere Informationen

  • Erscheinungsdatum: Montag, 21 März 2011
  • Quelle: Förderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V.
  • Autor: Horst Münzinger
Gelesen 5314 mal Letzte Änderung am Samstag, 29 Dezember 2012 12:05