Samstag, 27 August 2011 02:00

Automatisch umstellen

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Sigi Bradl über die Zukunft des Dialekts / Volkskultur neu inszenieren

Von Verena Golling


Altomünster/Aichach – Früher zogen die Menschen als Jäger und Sammler durch die Gegend. Dialekte gab es damals nicht. Erst als sie sesshaft wurden, entwickelten die Menschen regionale Sprachen und Eigenheiten. Heute geht die Welt wieder zurück zur Mobilität – und der Dialekt bleibt auf der Strecke. Doch Sigi Bradl sieht die Chance, daran noch was zu ändern. Für ihn liegt die Zukunft des Dialekts im "automatischen Umstellen".

Der Altomünsterer Sigi Bradl ist Zweiter Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Bairschen Sprache und Dialekte. Bayernweit hat die Vereinigung 3000 Mitglieder und versucht auf verschiedenen Ebenen, die regionalen Dialekte zu erhalten und neu zu inszenieren. Der Verein arbeitet mit dem Kultusministerium zusammen, um Einfluss auf Lehrpläne zu nehmen, Lehrer und Kindergärtnerinnen fortzubilden. Ein Mundart-Wettbewerb an den bayerischen Grundschulen förderte tolle Ergebnisse zu Tage.

"Die jungen Menschen sind sehr interessiert, man muss sie nur abholen", meint Bradl. Auch er war in den Schulen unterwegs und hat in Sielenbach, Indersdorf und Schwabhausen Maifeste oder eine Maiandacht gestaltet. Dass dabei nicht immer alles nach seinem Ursprungsplan lief, war für Bradl kein Problem: "Was soll ich mit denen Marienlieder singen, wenn sie sie nicht verstehen? Die haben andere Fähigkeiten", berichtet er von den Schülern in Indersdorf. Die schrieben kuzerhand das Lied "Am Tag als Conny Kramer starb" auf einen ehemaligen Schulkameraden um, der gestorben war und Bradl übte es mit ihnen ein – unter der Bedingung, das er das zweite Lied aussuchen durfte. Am Ende sangen die Kinder auch die Marienlieder mit. "Wir müssen einen Zugang schaffen, etwas anbieten – nehmen müssen es die jungen Leute selber", ist Bradl überzeugt.

Die Kinder seien von der Konsumwelt bestens versorgt, nur rede man nicht mehr viel mit ihnen. "Die können mit Begriffen oft nichts anfangen, sie wissen nicht wo Schmalzgebäck herkommt. Wenn man es ihnen aber erklärt, sind sie total interessiert", so Bradls Erfahrungen. Mit 120 Prozent Traditionellem draufzugehen bringe nichts: "Man muss ihnen Raumgeben, sich selber einzubringen – und Dialekt und Volkskultur neu inszenieren."

Neben den Schulbesuchen ist der Verein für die Förderung des Dialekts auch dabei, Handwerkszeug zu schaffen, um den Dialekt in die Familien, Schulen und Kindergärten zu bringen. Doch allein über die Sprachschiene werde es nicht klappen, meint Bradl. Die Lösung liege im Gesamtpaket: Zusammen mit Gesang, Musik, Brauchtum und Tanz könne man auch den Wert, der im Dialekt steckt gut verkaufen – verbunden mit Spaß und Freude. Im Mittelpunkt steht dann die Frage nach der regionalen Identität.

Denn auch die ist laut Bradl in Gefahr. Die Einflüsse der Großräume sind gewaltig: "Ich versteh nicht, warum wir uns so stark verbiegen lassen". Kirchenglocken oder der krähende Gockel stören plötzlich und müssen Ruhe geben. Auch die Einheimischen müssten sich an der Nase packen, meint Bradl – man tue zu wenig, um die Zugezogenen zu integrieren. Dabei propagiert er kein stures "mir san mir", sondern fordert ein beiderseitiges Verständnis. "Jeder Kulturraum ist wertvoll".

So sei es auch mit dem Dialekt. Der ist dann hinderlich, wenn man den anderen nicht mehr versteht. "Man sollte ihn situativ und personenbezogen verwenden, und sich umstellen können – dann gibt es auch eine Chance, ihn vor dem Aussterben zu bewahren", ist Bradl sicher. Dass junge Leute wieder in Tracht auf Volksfeste gehen wertet Bradl als einen Trend pro Volkskultur – man müsse nur aufpassen, dass er nicht zur Marketingmasche verkommt. Um die jungen Leute wieder für den Dialekt zu begeistern, ist der Verein auch im Internet aktiv. Seine Seite wurde überarbeitet und bald soll auch auf Facebook Bairisch gesprochen werden.

Doch nicht nur der Verein zur Förderung der Bairischen Sprache und Dialekte ist im Netz aktiv: Im World Wide Web ist eine Boarische Wikipedia zu finden, und teilweise gibt es Einträge, die in Mundart geschrieben sind: "Affing is a Gmoa im Landkreis Aichach-Friedberg. Sie liegt damit im Regierungsbezirk Schwååm, trotzdem ghert de Gmoa zum boarischn Sprachraum." Und das soll auch in Zukunft so bleiben.

Der Förderverein Bairische Sprache und Dialekte ist im Internet unter www.fbsd.de zu finden.

Weitere Informationen

  • Erscheinungsdatum: Samstag, 27 August 2011
  • Quelle: Aichacher Zeitung
  • Autor: Verena Golling
Gelesen 2705 mal Letzte Änderung am Samstag, 29 Dezember 2012 12:01